Unsere Definition von Begabung

Artikel in der Fachzeitschrift "4 bis 8" für Kindergarten und Unterstufe Nr. 2/03

Begabungsförderung ist ein Auftrag der Volksschule

Kinder mit besonderen Begabungen fallen immer häufiger auf. Die Schule steht vor der schwierigen Aufgabe Lernbedingungen zu schaffen, die allen Ansprüchen genügen. Urs Eisenbart

Hochbegabung und Begabungsförderung sind Themen, die momentan wie Orkane durch die Schullandschaft wirbeln und Eltern und Lehrpersonen verunsichern. Unbestritten ist, dass man heute weiss und in der Schule zu akzeptieren beginnt, dass es Kinder gibt, die in einem oder mehreren Bereichen mehr können als ihre gleichaltrigen Kameradinnen und Kameraden. Gefährlich wird es, wenn Eltern und Lehrpersonen mit aller Kraft nach speziellen Begabungen oder einer Hochbegabung suchen und dabei vergessen wird, dass Begabungsförderung ein allgemeiner Auftrag der Volkschule ist. Eine Lehrperson, sei an dieser Stelle behauptet, muss eigentlich gar nicht wissen, ob ein Kind hochbegabt ist oder nicht. Vielmehr muss es ihr ein Anliegen sein, bei möglichst vielen Kindern Begabungen und Interessen festzustellen. "Die fliessenden Übergänge zwischen Begabung und Hochbegabung und die Tatsache, dass ein beachtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen besondere Begabungen aufweist, legen nahe, die Förderung nicht ausschliesslich auf die Gruppe der besonders begabten und hochbegabten Kinder und Jugendlichen zu beschränken, sondern einer breiten Gruppe zugute kommen zu lassen. "

Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung

Individualisieren und differenzieren aus der Sicht eines ganzheitlichen Begabungsmodelles, heisst die heutige Herausforderung. Dazu gehören das vermehrte Einbeziehen von Interessen und Lernstilen, wie etwa offene Aufgaben, die verschiedene Lösungswege zulassen. Nebst analytischen Fähigkeiten muss vermehrt auch das kreative Denken geübt werden. Kinder, die den Lernstoff bereits beherrschen, sollen nicht sinnlose Wiederholungen bestreiten müssen, sondern Zeit für individuelle Projekte und vertiefende Aufgaben erhalten. Lehrpersonen können mit individuellen Zielvereinbarungen arbeiten. Was in Mehrklassen üblich ist, könnte auch beim Unterricht von Jahrgangsklassen Einzug finden, mit Material und Lehrmitteln auf verschiedenen Niveaustufen, die flexibel eingesetzt werden: Peter bearbeitet einen Text des Viertklass-Stoffes, Sarah liest eine Geschichte aus dem Sechstklass-Lesebuch. Auf der Kindergartenstufe sind diese Ideen für die geführte Tätigkeit ebenfalls umsetzbar.

Keinen Sonderstatus pflegen

Eine breite Identifizierung oder im negativen Sinne Etikettierung von "Begabten", ist nicht mehr nötig. Ein grosser Teil begabter Kinder wird, wenn diese Formen auf breiter Ebene praktiziert werden, problemlos und mit Freude die Schulzeit erleben. Trotzdem wird es immer wieder Kinder geben, deren Lerntempo und Lernvermögen so hoch ist, dass auch ein gut individualisierender Regelklassen-Unterricht nicht mehr ausreicht. Diese Kinder beginnen dann auf unterschiedliche Weise zu reagieren. Remo Largo stellt drei Arten reaktiven Verhaltens fest: Verhaltensauffälligkeit gegen innen oder aussen, psychosomatische Erkrankungen und Minderleistung. Zum Glück wird heute von Lehrpersonen und Eltern immer mehr auch Unterforderung als möglicher Grund für reaktives Verhalten in Betracht gezogen. Ein paar Beispiele aus dem schulischen Alltag: Ralf hat begonnen, die Klasse zu terrorisieren. Dominik, ein Zweitklässler hat eine schwere Depressionen und hegt Suizidgedanken. Rahel leidet monatelang an einer verstopften Nase. Nach dem Überspringen der vierten Klasse verschwinden ihre Symptome von einem Tag auf den anderen. Schwieriger wird es, Minderleistungen (ein Kind leistet nicht das, was es eigentlich könnte) von schwachen Leistungen zu trennen. Hier helfen oft nur schulpsychologische Abklärungen und pädagogische Fantasie weiter. Wenn in einem solchen Fall die Problematik mit der Diagnose einer Hochbegabung oder besonderen Begabung benannt werden kann, ist diese Identifizierung sicher hilfreich. Dabei gilt es abzuwägen, ob und in welcher Form die Kinder zu etwas Speziellem gemacht werden müssen, oder ob es nicht reicht, eine für sie optimale Lernumgebung zu finden. Den Kindern selbst ist es nicht wichtig, ob sie sich hochbegabt nennen dürfen. Sie wollen als Persönlichkeiten ernst genommen werden, in der Klasse dazu gehören und ein Angebot an Lernstoff haben, das sie herausfordert.

Förderziele für Anna

Begabung soll nicht statisch und nur auf die Person bezogen ausgedrückt werden, im Sinn von "Anna ist hochbegabt", sondern dynamisch, auf das Verhalten bezogen, beschrieben werden: "Anna ist in der vierten Klasse, liest und schreibt auf dem Niveau der neunten Klasse und interessiert sich besonders für fremde Kulturen." Aus dieser Beschreibung lassen sich nun Förderziele ableiten: Anna hat die Lernziele im Bereich Lesen, Grammatik und Rechtschreibung erreicht. In den Rechtschreibe- und Grammatiklektionen kann sie an ihrem freien Projekt arbeiten. Sie plant einen Vortrag über die Ureinwohner Südamerikas. Die Heilpädagogin (welche in diesem Fall für die Begabungsförderung zuständig ist) wird mit ihr das Projekt planen und nach Bedarf begleiten. Das Zurechtfinden in der Bibliothek wurde mit der ganzen Klasse geplant. Annas Vater hat sich bereit erklärt, das Mädchen in den Gebrauch des Internets einzuweisen, so dass es selbstständig Hintergrundmaterial recherchieren kann. Hier zeigt sich, dass bei Sonderlösungen eine gute Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen und Eltern nötig ist. Dies ist nicht nur bei Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten der Fall. Besondere Kinder bedürfen einer besonderen Lösung: Es müssen sämtliche Ressourcen optimal genutzt werden und die Verantwortung darf weder den Eltern noch den Lehrpersonen überlassen werden.

Begabungen erkennen

Es muss klargestellt werden, dass in der Schule nur ein Teil aller möglichen Begabungen gefragt ist. Zudem werden diese verschiedenen Bereiche auch noch unterschiedlich bewertet. Um Schulbegabungen (vor allem sprachliche oder mathematische Intelligenz) herauszufinden und Schulerfolg voraussagen zu können, sind Beobachtungen der Lehrpersonen oder IQ-Tests sehr aussagekräftig. Für andere Begabungen sind die Erfolgsquoten dieser Instrumente eher schlecht. Ausserdem fallen nur Kinder auf, die bereit sind Leistungen zu erbringen. Minderleistende werden in den wenigsten Fällen als begabt erkannt. Erst wenn Kinder und Jugendliche mit ihrer Begabung Probleme haben, reaktives Verhalten zeigen und man genauer hinschaut, tauchen plötzlich neue Facetten auf. In der Forschung hat sich das Elternurteil als besonders wichtig herausgestellt. Weil Eltern ihr Kind ganzheitlich kennen, sind ihre Aussagen im Normalfall als sehr wichtig einzustufen. Lehrpersonen sehen Kinder vor allem aus schulischer Sicht. Sie können Kinder bezüglich ihrer Schulerfolge treffend einschätzen. Wo Kinder mit aussergewöhnlichen Leistungen auffallen, ist eine Abklärung unnötig, der Tatbeweis reicht. Es gibt auch eine Vielzahl von Fragebogen, die helfen unbekannte Hobbies oder Interessenbereiche aufzudecken.

Individuelle Angebote

In der Literatur findet man eine Menge von Checklisten mit möglichen Merkmalen (besonders) begabter Kinder, welche aber mit Vorsicht anzuwenden sind. Jedes Kind ist einzigartig und lässt sich nicht auf Merkmale reduzieren. Mit Beobachtungen kann das Wissen über eine Person erweitert werden: Welches Thema wählt Sabine für die Freie Arbeit? Welche Bücher liest Daniel? Bei welchen Berufsbildern wird Sandro besonders aufmerksam? Je offener der Unterricht organisiert ist oder je mehr Möglichkeiten Eltern ihren Sprösslingen bieten, desto mehr werden Fähigkeiten, Lernstile und Interessen sichtbar. Manchmal hilft es auch, wenn bei vermeintlich negativem Verhalten die Ursachen miteinbezogen werden: Kevin, der eine wilde Meute dirigiert, zeigt Führungskompetenz, Monika, die immer spleenige Ideen bringt, besitzt ein grosses kreatives Potenzial. Um im Unterricht bestehendes Wissen festzustellen und Zeit für besondere Projekte zu gewinnen, kann eine Lehrperson vor einer Unterrichtseinheit Vortests einsetzen. Nicht selten erfüllen nämlich einzelne Kinder bereits die Lernziele. Manchmal sind die Potenziale der Kinder nicht klar ersichtlich oder sie verwirren sogar Eltern und Lehrpersonen. Dann können der Schulpsychologische Dienst oder private Abklärungsstellen, welche oft ganzheitlicher testen, allfällige Klärungen bringen. Die privaten Angebote sind teuer. Trotzdem wählen Eltern oft diesen Weg, weil sie von Lehrpersonen und Behörden in ihren Vermutungen zu wenig unterstützt werden. Dies kann vermieden werden, wenn Lehrpersonen es schaffen, vermehrt zu individualisieren und zu differenzieren. Unterschiedliche Kinder können so ihre Begabungen zeigen und finden im Unterricht die Herausforderung etwas zu leisten. Nicht Kinder haben Probleme in oder mit der Schule: Sondern die Schule hat Probleme, gewissen Kindern die Lernbedingungen zu schaffen, die für sie nötig sind.

Urs Eisenbart arbeitet in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen im Bereich Unterrichtsentwicklung, Prävention und Selbstmanagement in St. Gallen.

 

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